Von den Anfängen bis heute –
75 Jahre Bonner Orchesterverein e.V.
Im November 1950 fanden sich im Bundesministerium der Finanzen einige musikbegeisterte Bedienstete zum gemeinsamen Musizieren zusammen. In einer Zeit der Unsicherheit, aber auch des Aufbruchs – die Bundesrepublik war gerade ein Jahr alt – wurde dies zur Geburtstunde eines Ensembles, das 2025 als Amateur-Sinfonieorchester sein 75-jähriges Bestehen feiern konnte. Dem Initiator Martin Arlitt, einem Oberamtsrat des Finanzministeriums und ehemaligen Wehrmachtsmusiker, war es gelungen, etwa ein Dutzend im Instrumentalspiel geübte Kollegen aufzuspüren. Ihnen war gemeinsam, dass sie, wie damals der Bonnder Generalanzeiger schrieb, es auf die Dauer als „nervtötend“ empfanden, fern der Familien „möbliert auf einer einsamen Junggesellenbude die Feierabende zu verbringen“ – da war gemeinsames Musizierendoch etwas ganz anderes! Auch aus den anderen Bundesministerien wurden schnell Mitspieler gewonnen, und so gab diese Kammerorchester als „Musikkreis der Bundesministerien“ am 06. Juni 1951 im Speisesaal der damaligen Zollschule in Bonn-Duisdorf unter Arlitts Leitung für mehrere hundert Kolleginnen und Kollegen ein erstes abendfüllendes Konzert.
Mit dem weiteren Aufwachsen war es nach wenigen Jahren unumgänglich, dass sich der Musikkreis organisatorisch und rechtlich auf eine stabiliere Basis als eingetragener Verein mit einem Vorstand stellte. Vergleichbare Erfordernisse zeigten sich auf der musikalischen Seite: Hatte in der ersten Dekade Arlitt den den Musikkreis bravourös musikalisch angeleitet, so erforderten der nun größere Orchesterapparat und der gewachsene Anspruch künstlerischer Weiterentwicklung ab Ende der 1950er Jahre die musikalische Leitung durch Berufsdirigenten. Gewonnen wurden diese wechselweise von der Oper Bonn, aus dem Musikwesen der Bundeswehr oder als freie Dirigenten. Als Vorsitzender und orgnisatorischer Kopf blieb Martin Arlitt dem Musikkreis jedoch bis 1963 erhalten, gefolgt von Dietrich Zapf (bis 1983). Besondere Höhepunkte dieser Zeit waren das Abschiedskonzert für Konrad Adenauer als Bundeskanzler im Januar 1964 in der Aula der Universität Bonn und das Festkonzert anlässlich des zwanzigjährigen Bestehens des Orchsters unter der Schirmherrschaft des damaligen Bundeskanzlers Willy Brandt.
Schritthaltend mit dem Aufwuchszum vollen Sinfonieorchestermit gelegentlich bis zu 60 Mitspielern, benannte sich der Klangkörper 1968 in „Orchester der Bundesministerien“ um. Während das Orchesterin seinen ersten beiden Jahrzehnten eng angelehnt an die Ministerien und Bundesbehördenblieb und zeitweilig eine gewisse Unterstützung des Bundes erhielt, öffnete es sich dann zunehmend auch Liebhabermusikern aus allen anderen Bereichendes Gesellschaft und war (nicht zuletzt finanziell) auf sich gestellt. So folgte im Jahre 1976 die weitere Umbenennung in die noch heute geltende Bezeichnung „Bonner Orchesterverein“. Zwar gehörten bis in die 1990er Jahre die Bundesministerien und -behörden zu den wesentlichen Adressaten zur Nachwuchsgewinnung für den Bonner Orchesterverein; von einer Bindung an diese konnte jedoch keine Rede mehr sein.
Die zunehmende Vielfalt der Mitspieler in den 1980er und 1990er Jahren kam auch der künstlerischen Entwicklung des Orchesters zugute, einhergehend mit einer weiteren gundlegenden Veränderung: Hatte es bis dato unter häufig wechselnder künstlerischer Leitung gestanden (darunter, für die Zeit ziemlich fortschrittlich, auch Dirigentinnen), so wurde im Jahr 1993 mit Burkard Peterson dauerhaft ein Dirigent verpflichtet, der zuvor national und international gewirkt hatte, über eine beträchtliche Erfahrung in der Arbeit mit professionellen wie auch Amateurorchestern verfügte und längerfristig angelegte, anspruchsvolle künstlerische Vorstellungen jenseits der rein technisch-musikalischer Fähigkeiten mitbrachte. Fast 15 Jahre sollte er als künstlerischer Leiter die Entwicklung des Orchesters prägen. Hatte man sich zuvor vorzugsweise auf Werke der Wiener Klassik und (vor allem frühen) Romantik konzentriert – die naturgemäß bis heute das „Kernrepertoire“ des Bonner Orchestervereins ausmachen -, so waren jetzt auch wiederkehrend Komponisten der Spätromantik und des 20. Jahrhunderts anzutreffen.
In diese Phase fielen zwei weitere Höhepunkte in der Geschichte des Orchesters, für die besondere Hürden zu nehmen waren: Im April 1997 eine mehrtägige Konzertreise nach Györ (Ungarn) in Kooperation mit dem dortigen Pädagogen- und Palestrinachore, gipfelnd in gemeinsamen Aufführungen von Beethovens C-Dur-Messe in Györ und Budapest. Im Frühjahr 1999 folgte, initiiert durch die langjährige Konzertmeisterin des Ochestervereins (und Gattin des litauischen Botschafters), Nijole Namaviciene, erneut eine einwöchige Konzertreise nach Vilnius (Litauen) in Kooperation mit dem dortigen Balys-Dvarionas-Kammerorchester und mit zwei gemeinsamen Konzerten. Beide Auslandsreisen blieben für die Teilnehmer unvergesslich und wurden durch Gegenbesucheder Partneresembles in Bonn erwidert.
Unter der künstlerischen Leitung der beiden auf Burkard Peterson folgenden Dirigenten – Andreas Winnen in den Jahren 2007-2011 (mit einer besonderen Fähigkeit , seine Klangvorstellungen auf das Orchester zu übertragen) und Robert Wittbrodt seit 2012 (bei dem die musikpädagogischen Aspekte wieder stärkere Betonung erfuhren) – wurdeso manches Repertoirwerk weiter „aufpoliert“. Gerade letzterem gelang es, mit Gespür für die Situation musikalischer Amateure Musizierfreude und Zusammenhalt im Orchester weiter zu steigern und auch Jüngere für das Mitwirken zu motivieren. Zudem wurde die Erarbeitung seltener zu hörender Werke, auch aus dem 20. Jahrhundert, fortgesetzt – als Komponisten genannt seien hier etwa Nikolai Rimskij-Korsakow, Jean Sibelius, Alexander Glazunow, Edward Elgar, Carl Nielsen, aber auch die bei ihren Zeitgenossen des 19. Jahrunderts berühmte, heute jedoch leider weitgehend vergessene französische Komponistin Louise Farrenc.
Möchte man von einer „Heimstatt“ des Bonner Orchestervereins sprechen, so sind zwei Örtlichkeiten zu nennen. Seit den 1980er Jahren probte das Orchester über viele Jahre wöchentlich im Gustav-Heinemann-Haus in Bonn-Tannenbusch. Ein drohender „Bruch“ wegen dort ab 2001 länger anhaltender Renovierungsarbeiten konnte durch Initiative und Vermittlung eines Orchestermitglieds vermieden werden – hier bewährten sich vorhandene Netzwerke. So fand das Orchester Aufnahme in den Räumlichkeiten der Freien Waldorfschule Bonn – und dies so freundlich und zuvorkommend, dass sich alle schnell in der neuen Probenumgebung wohlfühlten. Seit Anfang 2002 probt der Bonner Orchesterverein nun regelmäßig montagabends dort. Aber die Arbeitsergebnisse sollen auch der Öffentlichkeit vorgestellt werden. So ist der Orchesterverein mit jährlich meist 2-4 Konzertaufführungen in den letzten zwanzig Jahren unter anderem in mehreren Bonner Kirchen und Gemeindesälen aufgetreten, ebenso außerhalb Bonns, wie etwa in Bad Neuenahr, Rösrath, Siegburg oder Burg Namedy. Zwei Säle haben sich in dieser Zeit allerdings zu regelmäßigen Konzertorten entwickelt: seit ihrer Wiederherstellung im Herbst 2006 die Aula der Bonner Waldorfschule und daneben der Theatersaal des Augustinums Bonn mit traditionell je einem Konzert im Jahr.
Orientiert am Gemeinnützigkeitspostulat, haben sich die vom Verein verfolgten Ziele in den Jahrzehnten seines Bestehens im Grundsätzlichen kaum verändert und sind, so die aktuelle Satzung, auf die „Förderung von Kunst und Kultur“ und der „musikalisch-kulturelle(n) Volksbildung durch die aktive Pflege sinfonischer Orchestermusik in Probenarbeit und öffentlichen Aufführungen“ ausgerichtet. In seiner langen Geschichte hat der Orchesterverein immer wieder auch Konzerte für wohltätige Zwecke gegeben, zeitweilig bis hin zur Mitfinanzierung von Hilfsprojekten in Indien. In den vergangenen zwanzig Jahren wurde ein Schwerpunkt darauf gelegt, auch jungen, oft noch in der Ausbildung befindlichen Künstlern die Möglichkeit öffentlicher solistischer Auftritte und des Konzertierens mit einem „richtigen“ Sinfonierorchester einzuräumen.
Im Vordergrund steht für die Mitspieler allerdings seit jeher das gemeinsame Musizieren in der Probenarbeit und die Pflege der damit einhergehenden sozialen Kontakte – dies wurde auch in wirtschaftlich schwierigen Phasen von den Mitgliedern immer wieder obenan gestellt. Diese nach außen wenig sichtbare Aktivität bedeutet für die meisten Mitspieler, soweit es die Zeit erlaubt, möglichst regelmäßig zu Hause zu üben, sich nach einem oft langen Arbeitstag wenigstens einmal wöchentlich abends zusammenzufinden und mit voller Konzentration mitzuwirken; hinzu kommen gelegentliche Probenwochenenden oder -tage. Das alles erfordert ein hohes Maß an Selbstdisziplin und Idealismus, vom Dirigenten zudem präzise Vorbereitung der Proben. Der Lohn sind neben der Freude am Musizieren das Gefühl, eine nicht ganz einfache Aufgabe gemeinsam zu bewältigen und die Begeisterung an einer gelungenen Aufführung.
Über das gemeinsame Musizieren hinaus zieht sich so manche weitere „Konstante“ durch die Geschichte des Bonner Orchestervereins. Kennzeichnend sind die völlige Eigenständigkeit als Eingetragener Verein, damit verbunden die Selbstorganisation unter einem gewähltem Vorstand und die oft mühselige Selbstfinanzierung primär über die Mitgliedsbeiträge und Konzerteinnahmen. In den frühen Jahren bestanden besondere Schwierigkeiten in der Beschaffung geegneten Notenmaterials – heute mit der reich bestückten Notenbibliothek des Bundesverbandes Amateurmusik Sinfonie- und Kammerorchester e.V. (BDLO) im Rücken, in dem der Verein Mitglied ist, völlig unproblematisch. Später war eine hohe Fluktuation unter den Mitspielern ein Merkmal, oft bedingt durch dienstliche Versetzungen oder berufliche Veränderungen und verbunden mit starken Schwankungen im Mitgliederbestand (zwischen zeitweilig 50-60 aktiven Musikern und, beispielsweise Ende der 1960er Jahre, einem geradeszu existenzgefährdenden Absinken bis auf 18). Stabilisierend wirkte erst die Öffnung für weitere gesellschaftliche Kreise außerhalb der Bundesbehörden.
Ein schwerwiegender Einschnitt für Proben- und Konzertarbeit des Orchestervereins war zuletzt – wie in den meisten anderen kulturellen Bereichen – die Corona-Pandemie in den Jahren 2020 bis 2023. Mehrfach musste der Probenbetrieb monatelang ruhen. Zum Glück gelang es dem damaligen Vorstand um seinen Vorsitzenden Christian Meineke gemeinsam mit dem künstlerischen Leiter, durch flexible, der jeweiligen Vorschriftenlage angepassten Musizierangebote – von gesonderten Streicherabenden über Bläserproben im Freien bis zu ersten Konzertenn in Kammermusikbesetzung – die Orchestermitglieder ausnahmslos „bei der Stange“ zu halten. Finanziell half eine vom Landesverband der Liebhaberorchester vermittelte Coronaunterstützung des Landes. Insgesamt hat der Orchesterverein diese Phase letzlich gut und vielleicht sogar gestärkt durchgestanden. Nach etlichen personellen Verjüngungen im Mitgliederbestand gerade in den letzten Jahren bilden die Mitglieder derzeit einen ausgewogenen, generationsübergreifenden Querschnitt aus Liebhabermusikern im Raum Bonn. Und so sieht sich der Bonner Orchesterverein zu seinem 75-jährigen Jubiläum unter seinem künstlerischen Leiter Robert Wittbrodt gut für die Zukunft gerüstet.
Andreas Post – unter Rückgriff auf die Texte von Dietrich Zopf und Rudolf Förg anlässlich des 25- bzw. 50-jährigen Jubiläums des Bonner Orchestervereins e.V.